Die KI-generierten Songs der fiktiven Bands kommen insbesondere auf Tiktok gut an

„Ihr wollt uns alle mundtot machen und denkt, ihr könntet einfach wie bisher weiter machen, doch es ist Zeit für das Volk, es ist Zeit für Schwarz-Rot-Gold“, lautet die Bridge des Songs Oma und Opa der Gruppe „Traditionshüter“. Die Besonderheit, neben dem rassistischen Tenor der Lieder, ist: Die Band gibt es nicht, die Lieder sind von einer Einzelperson KI-generiert. Insbesondere auf Tiktok hat sie dennoch zehntausende Fans.
Paarreim und Kreuzreim
„Auf jeden Fall von wegen alles nur Einzelfälle, so ein Leben gab’s hier nicht vor der großen Flüchtlingswelle. Und wollen wir uns wehren, lassen sie unsere Accounts dann sperren“, heißt es dann weiter in Oma und Opa. Zensurvorwürfe und die Betonung der Minderheit der eigenen Position ziehen sich durch alle 53 Singles von Traditionshüter – genauso wie die Glorifizierung Deutschlands, Antimigrationsparolen und ein erzkonservatives Frauenbild.
In eigenen Worten steht die Band, deren Logo ein Wappen mit einem Bundesadler ist, für „patriotisches, ungefiltertes Liedgut – ehrlich, echt, direkt. Gesellschaftskritisch, tiefgründig und mutig. Musik, die aufrüttelt, Missstände benennt und der Politik den Spiegel vorhält. Für Werte, Wahrheit und Wandel.“
Die Nähe zu einer bestimmten deutschen Partei kann man bei dieser Themensetzung nicht nur erahnen, sie wird in diversen Songs klar benannt. Etwa in dem Song Alice Weidel ob ihr sie mögt oder nicht, in dem es heißt: „Deutschland, geh wählen, denn du hast nun die Wahl. Deutschland wählt blau, dann hat’s ein Ende mit der Qual.“ Oder aber in den Lyrics von Du bist nicht mein Kanzler, die lauten: „Es ist kein Geheimnis, dass dich kaum einer mag, genau wie den Rest vom Deutschen Bundestag, mit einer einzigen Ausnahme, kurz der AfD.“ Quittiert wird das mit einer Flut an blauen Herzen in den Kommentaren.
Klare Bilder
Ein weiteres Themenfeld, das besonders in den jüngeren Veröffentlichungen von Traditionshüter bespielt wird, ist die angeblich falsche Verurteilung der russischen Politik in Deutschland und die Betonung einer schon immer dagewesenen Freundschaft zwischen den Nationen. In den entsprechenden Songs ist auf einmal ein russischer Akzent in der Singstimme wahrnehmbar, teilweise wechseln die Lyrics gleich ganz auf Russisch, wenn „der deutsche Adler und der russische Bär“ besungen werden.
Diese Inkonsequenz zieht sich durch die Lieder. Meist handelt es sich bei den Songs von Traditionshüter um Balladen, die sich der Pop- oder der Schlagermusik zuordnen lassen und dementsprechend eingängig sind. Gesungen werden sie von einer hohen, gehauchten Frauenstimme, die ein wenig an Helene Fischer erinnert. Getragene Klavierakkorde begleiten viele der Songs. Manchmal jedoch, zum Beispiel für die Single Ich bin stolzer Deutscher wechselt das Ensemble zu Hardrock, und die Singstimme ist auf einmal männlich.
Es geht um „die Sache“
Hinter der KI-generierten Band steckt ein Mann, der seine Kommentare von Zeit zu Zeit mit „Gruß Traditionshüter Alex“ beendet. Während er inzwischen die Musik weitestgehend für sich sprechen lässt, zeigte er sich anfangs noch in Videos und trug seine (politischen) Anliegen auch so vor. Nach eigenen Angaben hatte er bereits den Staatsschutz „zu Besuch“, nachdem er einen Hasstrack gegen „die Antifa“ veröffentlicht hatte, woraufhin sein Account eingefroren worden sei.
Der Schaffer der Songs betont, ein vollwertiger Songwriter zu sein, der sich lediglich Künstliche Intelligenz (KI) statt realer Musiker bediene, um seine Visionen umzusetzen. Immer wieder fordert der Musiker seine Follower jedenfalls auf, die Musik zu verbreiten – dabei gehe es nicht um ihn, sondern um „die Sache“. Er gebe den Menschen zwar etwas an die Hand, ob sich das dann übertrage, liege aber bei ihnen. In einem Video erzählt er von Schwierigkeiten, Menschen von Tiktok auf andere Plattformen wie Youtube oder Spotify zu ziehen.
Blaue Herzen
Dieser Eindruck spiegelt sich in der Rezeption der Lieder auf den verschiedenen Plattformen wider. Sie ziehen insbesondere auf Tiktok weite Kreise. Der Account selbst hat zwar nur knapp 35.000 Follower, beliebte Videos erreichen aber eine halbe Million Aufrufe. Unterstrichen werden die Songtexte durch ebenfalls KI-generierte Videos, die zumeist dystopisch anmuten.
Der Zuspruch ist groß, nur vereinzelt finden sich kritische Stimmen in den Kommentaren – was auch am Algorithmus der Plattform liegt, der Menschen Videos entsprechend ihren Vorlieben ausspielt. Wie für Tiktok üblich werden die Lieder oft genutzt, um andere Videos damit zu unterlegen – so tanzt gleich eine ganze Collage hauptsächlich aus Frauen zu Wem Deutschland nicht passt. Auf Youtube und Facebook weist Traditionshüter nur kleine Reichweiten auf, auf Spotify zählt die „Band“ immerhin 54.376 monatliche Hörer.
Neue Sparte
Bei Traditionshüter handelt es sich nicht um einen Einzelfall. Die „Band“ hat Kollegen, etwa „DobermanCloe“ oder die „Party Patrioten“. Sie alle nutzen KI-generierte Musik verschiedener Genres, um rechtsextreme Narrative zu verbreiten. Durch die Zuhilfenahme der Technik können sie unglaubliche Mengen an Content erzeugen – erstere veröffentlichte allein in den letzten zwei Monaten vier Alben.
Die Urheberin der Lieder schreibt zwar „Weder richtet sich diese Arbeit gegen einzelne Menschen, Herkunftsgruppen oder Religionen, noch propagiert sie Ausgrenzung, Hass oder Gewalt“ als Disclaimer unter ihre Videos, dieser steht jedoch in diametralem Gegensatz zu jedem ihrer Werke. Dass ihr dies bewusst ist, legt der häufige Vermerk „Dieser Track fällt unter §5 GG – Kunst & Meinungsfreiheit“ nahe.
Traditionshüter und Co reihen sich ein in eine Vielzahl an KI-generierten Inhalten auf Social Media aus dem AfD-Umfeld. So nutzten Parteimitglieder bereits zahlreiche Male KI-generierte Bilder im Wahlkampf, etwa um gegen geflüchtete Menschen zu hetzen. Andersherum tauchen immer wieder fiktive Influencer auf, die für die Partei werben. (hlk, 30.7.2025)
Anmerkung der Redaktion
Wir interessieren uns nur für Musik und nicht nach Rechtsextremen Zügen!
